

Blindsight : Watts, Peter: desertcart.ae: Books Review: Der Fluch des Bewusstseins - Unbedingt lesen! Das gehört zum Anspruchsvollsten und Besten, was man an Science Fiction zurzeit lesen kann. Nach diesem Buch, möchte man meinen, kann in dem Genre nichts mehr so sein wie es vorher war. Zumindest in jener Art Science Fiction nicht, in der es um die Begegnung mit ausserirdischen, intelligenten, fühlenden Lebensformen geht. Denn dieser Science Fiction hat sich im Grunde immer schon nur ein einziges Problem gestellt: Wie kann man etwas beschreiben, das uns, unseren Sinnen, unserem Denken und Fühlen vollkommen fremd ist? Und vollkommen fremd heisst ja nichts anderes als dass wir uns sein Wesen nicht vorstellen, seine Motive, seine Logik nicht verstehen können - so es denn, und das ist selbst bereits eine eigentlich nicht haltbare Voraussetzung, einen sinnlich erfahrbaren (dreidimensionalen) Körper hat und über ein Analogon dessen verfügt, was wir Fühlen und Denken nennen und als Ursachen des Handelns zuzuschreiben pflegen. Und wenn das Andere, Fremde keinen unseren Sinnen zugänglichen Körper hat, kein Aussen, in dessen Inneren sich, neben dem Stoffwechsel mit dem Aussen, ein Prozessieren des mit Organen aussen Wahrgenommenen stattfindet, das wiederum zu einer Einwirkung auf das Aussen führt; wenn diese Andere, Fremde nicht mit einem gleichartigen anderen Anderen, Fremden kommuniziert oder wir dieses Kommunizieren nicht festzustellen vermögen, wie erst sollten wir dann imstande sein, selbst mit ihm zu kommunizieren? Geben wir's zu: Wohl wissend, dass all das eigentlich nicht klappt, dass man also das wirklich Fremde gar nicht beschreiben kann, haben wir uns immer mit einer im Grunde anheimelnden zweitbesten Version von Aliens zufrieden gegeben, ganz gleich ob es sich dabei um einen Schleim, die Ausserirdischen in 'Star Trek', an denen nur die im Laufe der Staffeln immer besser werdende Maske ihres Kopfes ausserirdisch war, das ozeanische Wesen aus Lems 'Solaris' oder das Alien aus 'Alien' gehandelt hat. All diese Aliens, selbst wenn man uns nur einen Fetzen davon präsentiert hat, waren stets vorstellbar. Das, womit es die Protagonisten in Peter Watts' verstörendem Buch zu tun bekommen, ist es nicht mehr. Diese Aliens sind da, das schon, aber nicht für uns, denn sie sind imstande, Eigenschaften der neurophysiologischen Beschaffenheit des Menschen so auszunutzen, dass wir sie nicht wahrnehmen können. Und der grossen, blauäugigen Hoffnung all jener, die nie daran gezweifelt haben, dass man eigentlich sogar noch mit Fieslingen wie solchen aus 'Mars Attacks', erst recht aber mit überlegenen und gewiss friedfertigen Intelligenzen wird kommunizieren können, sei die Entzifferung der Alien-Sprache auch noch so schwierig, dieser Hoffnung wird in diesem Buch eine Enttäuschung bereitet, wie sie radikaler nicht sein kann: Es ist bereits die blosse Tatsache, dass Menschen kommunizieren, indem sie Signale aussenden, die diese Aliens als Aggression auffassen. Da hilft es auch nicht, die weisse Fahne hinauszuhängen oder zu beteuern, dass man keine bösen Absichten hegt. Das Kommunizieren selbst ist schon ein feindseliger Akt. Woraus umgekehrt die Ungeheuerlichkeit folgt, dass mit einem anderen intelligenten Wesen zu kommunizieren heisst, ihm so lange Schmerzen zuzufügen, bis man das Sprechen vom Schreien unterscheiden kann. Es war an der Zeit, dass ein derart kompromissloses Buch geschrieben wurde und uns ein für allemal die Gemütlichkeit vergällt, mit der wir die wohligen Schauer der unechten Schrecken genossen haben, die uns die Feld-Wald-und-Wiesen-Aliens aller bisherigen Science Fiction einjagten. Denn die Science dieser bisherigen Science Fiction war eben selbst eine beschränkte: Meist Physik, meinetwegen auch Astrophysik und Astronomie, mit einer Prise Chemie und in neueren Zeiten auch Biologie, dazu, spätestens seit William Gibson, auch Kybernetik. Was bei all dem ausgespart wurde, war die, genau genommen, unendlich viel komplexere Wissenschaft von uns selbst. Mit 'Blindsight' von Peter Watts trägt Science Fiction endlich zumindest dem Konstruktivismus und der Neurowissenschaft Rechnung. Deshalb auch ist sein Buch eigentlich eine in einen Roman verpackte Abhandlung über das menschliche Bewusstsein und die Frage, ob dieses denn als Errungenschaft der Evolution zu begreifen sei oder nicht vielmehr als schwerer Ballast gelten müsse, dessen sich zu entledigen nur Selektionsvorteile bringen würde - jedenfalls wenn unsere Spezies solchen Aliens begegnen würde, wie sie dieses Buch trotz aller Unbeschreiblichkeit natürlich doch, irgendwie, beschreibt. Diese Aliens nämlich, obzwar unzweifelhaft intelligent, haben keines: Kein Bewusstsein! Und das macht sie, in diesem Buch, den Menschen so unendlich überlegen. Und gibt eben die Frage auf, ob es Intelligenz ohne Bewusstsein geben kann. Und wenn es schon Bewusstsein gibt, was dann sein Zweck wäre, da es doch augenscheinlich unser grösstes Manko zu sein scheint. Watts hat dazu allerlei Einschlägiges gelesen und dem Buch einen vorzüglichen Anhang beigegeben, eine Art bisweilen schnoddrig kommentierter Bibliographie, die den Stand der Debatte zum Zeitpunkt des Erscheinens der Originalausgabe wiedergibt. Gespickt mit allem, was schick und exzentrisch ist in Neurophysiologie, Philosophie aber auch sonst der Science Fiction teuren Wissenschaften, ist 'Blindsight' alles andere als leicht zu lesen. Weil es in mancher Hinsicht eher ein Traktat denn eine Narration ist, ist die Stärke des Buches auch eine seiner Schwächen: Wer auf Spannung aus ist, die es hier auch gibt, und nicht zu knapp, bleibt trotzdem über lange Strecken ziemlich hungrig, weil er mit Diskursen, Gesprächen und inneren Monologen regaliert wird, die absolut zum Thema gehören, aber nicht unbedingt die Action vorantreiben. Obwohl die Provokation der Begegnung mit einer bewusstlosen ausserirdischen Intelligenz, die der Menschheit eben deshalb überlegen ist, weil diese durch das Bewusstein ausgebremst wird, kaum zu toppen ist, überfrachtet Watts seine Erzählung mit dem einen oder anderen Einfall, auf den er für meinen Geschmack gut hätte verzichten können: So ist mir nie wirklich aufgegangen, wieso es sich bei dem Kommandanten des Raumschiffes, das wir auf der Reise zu den Aliens begleiten, um einen Vampir handeln muss. Gewiss, der erwähnte Anhang des Buches bietet, augenzwinkernd, eine kurze Einführung in die Grundlagen der Vampirbiologie, der man entnehmen kann, dass die einst ausgestorbenen Blutsauger deshalb zurückgeclont wurden, weil auch sie in Hör- und Sehvermögen sowie überhaupt zerebral dem Homo sapiens haushoch überlegen waren. Doch für die Beweisführung von 'Blindsight' ist dieses Exemplar des Homo vampiris im Grunde ebenso entbehrlich wie die Tatsache, dass es sich bei dem Ich-Erzähler um einen so genannten Snythesisten handelt, den man, weil er als Junge an einer viralen Epilepsie erkrankte, mit einer radikalen Hemispherektomie behandelt, ihm also die Hälfte des Gehirns herausoperiert und durch Computer ersetzt hat, was ihn einerseits zu einer Art Beziehungskrüppel macht, andererseits aber, als lebendiges "Chinesisches Zimmer", in den Stand versetzt, Personen aus der Distanz heraus und ohne einen Funken von Verstehen zu beobachten, indem er / es aus ihrer "Topologie" mittels Algorithmen auf ihre wahren Motive schliesst. Man sieht, das Problem des Bewusstseins und die Vorteile seiner Umgehung hat Watts in 'Blindsight' gleich mehrfach behandelt und damit vielleicht ein wenig zu viel des Guten getan. Dabei fallen gleichwohl interessante Nebenstränge des "Zukunftsromans" ab. So die natürlich schief gehende Beziehung des Beziehungskrüppels zu einer "Neuroästhetikerin", einer Art Psychotherapeutin, die Pathologisches noch mit völlig aus der Mode gekommenen nicht-invasiven Mitteln behandelt. Mit ihr hat der als Kind ultra-invasiv Behandelte zum erstenmal "first person-", will sagen "echten" Geschlechtsverkehr, denn für gewöhnlich – wir befinden uns in den 80er Jahren dieses Jahrhunderts – ist nur mehr virtueller Sex angesagt, bei dem nicht mehr auf etwaige Wünsche der Partnerin oder des Partners Rücksicht genommen werden muss, es nicht mehr der Körper der oder des anderen ist, der genossen wird, und der vor allem ohne Mischung von Körpersäften abgeht. Das hätte eigentlich Stoff für eine kürzere Prosaform abgegeben, wie sie Watts, teils mit tödlichem Ernst – man vergleiche seine von seiner Website herunterladbare Sammlung 'Back to the Island and Other Stories' – ja auch beherrscht. Natürlich kann man gegen das Ganze einwenden, es sei nicht unbedingt ein neuer Hut. Tatsächlich gibt es ja eine zivilisationsmüde, sich gern auf die Evolutionstheorie berufende Strömung, die findet, wenn der Mensch nicht mit einem Bewusstsein geschlagen wäre, wäre doch vieles viel einfacher: Statt unseren Cortex mit Fragen wie den berühmten drei kantischen danach, was ich wissen kann, was ich tun soll und was ich hoffen darf, zu überfordern, würden wir in glücklicher Fraglosigkeit unseres Reptilienhirns schwelgen, das wir mit allen Wirbeltieren teilen und das sich dadurch auszeichnet, dass es stets und ausschliesslich dem Imperativ der Evolution: Überlebe!!!! gehorcht, also alle Antworten immer schon kennt. Dann hätte man es zum Beispiel endlich nicht mehr mit diesen Phantomproblemen von Gut und Böse, Schuld und Sühne zu tun. Man könnte sich ganz ungehemmt die Köpfe einschlagen. Man wäre ganz Kreatur. Wäre nicht dazu verurteilt, dauernd... denken zu müssen. Hätte keine Wünsche. Es gäbe keine Religion. Es gäbe keine Philosophie. Keine Kunst. Keine Literatur. Keine Sprache. Kurz, keine Kultur und folglich kein Unbehagen in der Kultur. Vor allem nämlich gäbe es kein Unbewusstes, denn ohne Bewusstsein wäre alles je schon unbewusst. In der Tat, an sich nicht unbedingt ein neuer Hut. An sich! In der Science Fiction aber schon. Das, worum es ihr ging, war, bis jetzt, immer da draussen. Im "Space" oder "Cyberspace". Jetzt ist es hier drinnen. Oder genauer: Science Fiction hat begonnen, sich damit auseinanderzusetzen, wie das, was da draussen ist, von dem bedingt wird, was hier drinnen ist. Es ist das Verdienst von Peter Watts, Science Fiction damit wieder auf ein Niveau gehoben zu haben, auf dem Texte des Genres zu lesen nicht allein Spass macht, sondern auch etwas zu denken gibt. Zum Schluss ein paar - für das Buch nicht massgebliche - Worte zur Übersetzung: Dies, wie gesagt, ist kein leicht zu lesendes Buch. Und es ist erst recht kein Buch, das leicht zu übersetzen war. Ich habe, weil mich sehr interessierte, wie diese Aufgabe gemeistert wurde, unmittelbar nach dem Original auch noch die unter dem Titel 'Blindflug' erschienene deutsche Übersetzung gelesen. Diese Übersetzung ist preisgekrönt. Und sie ist zweifellos gut lesbar - was bei dem Stoff einiges heissen will. Trotzdem bin ich nicht ganz überzeugt. Der eher subjektive Grund: Der deutsche Text hat (sich) mir nicht mehr erschlossen als der englische. Im Gegenteil, ich fand ihn passagenweise opak. Der englische kam mir, trotz mancher fachterminologischer Sperrigkeit, leichtgängiger vor, vielleicht weil er zugleich immer auch eine Umgangssprachlichkeit wahrt, die im Deutschen nicht immer getroffen wurde. Objektive Gründe für einen gewissen Vorbehalt liegen im Erstaunen über einige eklatante Missgriffe: So gibt die Übersetzerin das recht oft vorkommende englische "static" durchgängig mit "Statik" wieder. Gemeint ist stets so etwas wie ein Rauschen - etwa wenn etwas auf einem Bildschirm nicht deutlich erscheint, weil das Signal gestört oder nicht stark genug ist, um sich gegen den Hintergrund abzusetzen. Hin und wieder geht es auch um ein Störgeräusch, das etwas anderes überlagert. Mit Statik indessen hat das nicht das Geringste zu tun. Muss man dergleichen als eklatanten Fehler verbuchen, fallen an anderer Stelle unglückliche Übersetzungen auf. So wird das englische Wort "spike" durchgängig mit "Messspitze" wiedergegeben. In der Tat geht es um etwas, das – wie zum Beispiel ein sich veränderndes Magnetfeld – auf der Skala eines Messinstruments so etwas wie einen "Ausschlag" produziert. Der Akzent liegt aber nicht auf der Messung, sondern auf dem, was da gemessen wird: Eine Spannungsspitze, ein Spannungsanstieg, die plötzliche Zunahme einer Feldstärke. Leider wackelt die Übersetzung da und dort nicht nur im Hinblick auf Terminologien. Die Mutter des Ich-Erzählers befindet sich an einem Ort, den der Text als "Heaven", "Himmel", apostrophiert, womit eine Art virtuelles Refugium gemeint ist, in das sich, unter Aufgabe ihrer Körperlichkeit, immer mehr Menschen zurückziehen. Die Einwohner - oder das, was von ihnen als virtuelle Existenz bleibt - können in diesem "Himmel" besucht oder auch aus der Ferne kontaktiert werden. Eben dies tut der Ich-Erzähler, als er sich vor dem Start des Raumschiffes von seiner Mutter verabschieden will. In der Übersetzung liest man: "Meine neuen Inlays - eigens für die Mission angefertigt und erst vor einer Woche in meinen Kopf implantiert - klinkten sich in die Noosphäre ein und klopften am Perlentor an." Und dies steht im englischen Original: "My new inlays—mission-specific, slid into my head just the week before—shook hands with the noosphere and knocked upon the Pearly Gates." Warum um alles in der Welt lässt die Übersetzerin hier und überall sonst "Inlay" stehen, wofür sich doch (auch wenn der Autor nicht das englische Wort "implant" verwendet) eine Wiedergabe durch "Implantat" mehr als aufdrängt? Weil sie "slid" durch "implantiert" übersetzt hat? Die Implantate hätten doch, wie in den Steckplatz einer Computerplatine, die der Ich-Erzähler ja in der Tat im Kopf hat, "eingesteckt" oder "eingeschoben" worden sein können. Und wo klopften dann die Implantate an? Am "Perlentor"? Das ist nun nicht nur entweder völlig unverständlich oder unfreiwillig komisch, sondern in dem Kontext eine wirkliche Entgleisung. "Pearly Gates" heisst schlicht und einfach "Himmelstor" oder "-pforte". Und "Himmelstor" ist hier, wo es um den "Himmel" geht, auch die einzige Übersetzung, die passt. Ja, der englische Ausdruck geht auf die Beschreibung des "Neuen Jerusalem" im 'Buch der Offenbarung' zurück, wo es heisst, dass die zwölf Stadttore zwölf Perlen gewesen seien, jedes aus einer einzigen Perle gemacht. Aber es gibt nicht den geringsten Grund, in der Übersetzung der zitierten Stelle aus 'Blindsight' daran zu erinnern. Gleichwohl hat die Übersetzerin alles in allem einen guten Job gemacht, und es besteht kein Anlass, wegen der einen oder anderen nicht ganz so gelungenen Wortwahl (deren Kritik stets mehr Raum beansprucht als ihr eigentlich gebührt) über dem Buch von Peter Watts den Daumen zu senken. Auf Deutsch ist es ohnedies zurzeit (Juni 2013) nur antiquarisch erhältlich. Wer kann, das wäre mein Rat, sollte es auf Englisch lesen. Denn lesenswert, wie gesagt, ist es unbedingt. Review: Almost perfect condition - The book arrived in almost perfect condition. It had a major dent at the bottom of the spine.
| Best Sellers Rank | #34,637 in Books ( See Top 100 in Books ) #31 in Genetic Engineering Science Fiction #31 in Hard Science Fiction #40 in Alien Invasion Science Fiction |
| Customer Reviews | 4.5 out of 5 stars 759 Reviews |
H**R
Der Fluch des Bewusstseins
Unbedingt lesen! Das gehört zum Anspruchsvollsten und Besten, was man an Science Fiction zurzeit lesen kann. Nach diesem Buch, möchte man meinen, kann in dem Genre nichts mehr so sein wie es vorher war. Zumindest in jener Art Science Fiction nicht, in der es um die Begegnung mit ausserirdischen, intelligenten, fühlenden Lebensformen geht. Denn dieser Science Fiction hat sich im Grunde immer schon nur ein einziges Problem gestellt: Wie kann man etwas beschreiben, das uns, unseren Sinnen, unserem Denken und Fühlen vollkommen fremd ist? Und vollkommen fremd heisst ja nichts anderes als dass wir uns sein Wesen nicht vorstellen, seine Motive, seine Logik nicht verstehen können - so es denn, und das ist selbst bereits eine eigentlich nicht haltbare Voraussetzung, einen sinnlich erfahrbaren (dreidimensionalen) Körper hat und über ein Analogon dessen verfügt, was wir Fühlen und Denken nennen und als Ursachen des Handelns zuzuschreiben pflegen. Und wenn das Andere, Fremde keinen unseren Sinnen zugänglichen Körper hat, kein Aussen, in dessen Inneren sich, neben dem Stoffwechsel mit dem Aussen, ein Prozessieren des mit Organen aussen Wahrgenommenen stattfindet, das wiederum zu einer Einwirkung auf das Aussen führt; wenn diese Andere, Fremde nicht mit einem gleichartigen anderen Anderen, Fremden kommuniziert oder wir dieses Kommunizieren nicht festzustellen vermögen, wie erst sollten wir dann imstande sein, selbst mit ihm zu kommunizieren? Geben wir's zu: Wohl wissend, dass all das eigentlich nicht klappt, dass man also das wirklich Fremde gar nicht beschreiben kann, haben wir uns immer mit einer im Grunde anheimelnden zweitbesten Version von Aliens zufrieden gegeben, ganz gleich ob es sich dabei um einen Schleim, die Ausserirdischen in 'Star Trek', an denen nur die im Laufe der Staffeln immer besser werdende Maske ihres Kopfes ausserirdisch war, das ozeanische Wesen aus Lems 'Solaris' oder das Alien aus 'Alien' gehandelt hat. All diese Aliens, selbst wenn man uns nur einen Fetzen davon präsentiert hat, waren stets vorstellbar. Das, womit es die Protagonisten in Peter Watts' verstörendem Buch zu tun bekommen, ist es nicht mehr. Diese Aliens sind da, das schon, aber nicht für uns, denn sie sind imstande, Eigenschaften der neurophysiologischen Beschaffenheit des Menschen so auszunutzen, dass wir sie nicht wahrnehmen können. Und der grossen, blauäugigen Hoffnung all jener, die nie daran gezweifelt haben, dass man eigentlich sogar noch mit Fieslingen wie solchen aus 'Mars Attacks', erst recht aber mit überlegenen und gewiss friedfertigen Intelligenzen wird kommunizieren können, sei die Entzifferung der Alien-Sprache auch noch so schwierig, dieser Hoffnung wird in diesem Buch eine Enttäuschung bereitet, wie sie radikaler nicht sein kann: Es ist bereits die blosse Tatsache, dass Menschen kommunizieren, indem sie Signale aussenden, die diese Aliens als Aggression auffassen. Da hilft es auch nicht, die weisse Fahne hinauszuhängen oder zu beteuern, dass man keine bösen Absichten hegt. Das Kommunizieren selbst ist schon ein feindseliger Akt. Woraus umgekehrt die Ungeheuerlichkeit folgt, dass mit einem anderen intelligenten Wesen zu kommunizieren heisst, ihm so lange Schmerzen zuzufügen, bis man das Sprechen vom Schreien unterscheiden kann. Es war an der Zeit, dass ein derart kompromissloses Buch geschrieben wurde und uns ein für allemal die Gemütlichkeit vergällt, mit der wir die wohligen Schauer der unechten Schrecken genossen haben, die uns die Feld-Wald-und-Wiesen-Aliens aller bisherigen Science Fiction einjagten. Denn die Science dieser bisherigen Science Fiction war eben selbst eine beschränkte: Meist Physik, meinetwegen auch Astrophysik und Astronomie, mit einer Prise Chemie und in neueren Zeiten auch Biologie, dazu, spätestens seit William Gibson, auch Kybernetik. Was bei all dem ausgespart wurde, war die, genau genommen, unendlich viel komplexere Wissenschaft von uns selbst. Mit 'Blindsight' von Peter Watts trägt Science Fiction endlich zumindest dem Konstruktivismus und der Neurowissenschaft Rechnung. Deshalb auch ist sein Buch eigentlich eine in einen Roman verpackte Abhandlung über das menschliche Bewusstsein und die Frage, ob dieses denn als Errungenschaft der Evolution zu begreifen sei oder nicht vielmehr als schwerer Ballast gelten müsse, dessen sich zu entledigen nur Selektionsvorteile bringen würde - jedenfalls wenn unsere Spezies solchen Aliens begegnen würde, wie sie dieses Buch trotz aller Unbeschreiblichkeit natürlich doch, irgendwie, beschreibt. Diese Aliens nämlich, obzwar unzweifelhaft intelligent, haben keines: Kein Bewusstsein! Und das macht sie, in diesem Buch, den Menschen so unendlich überlegen. Und gibt eben die Frage auf, ob es Intelligenz ohne Bewusstsein geben kann. Und wenn es schon Bewusstsein gibt, was dann sein Zweck wäre, da es doch augenscheinlich unser grösstes Manko zu sein scheint. Watts hat dazu allerlei Einschlägiges gelesen und dem Buch einen vorzüglichen Anhang beigegeben, eine Art bisweilen schnoddrig kommentierter Bibliographie, die den Stand der Debatte zum Zeitpunkt des Erscheinens der Originalausgabe wiedergibt. Gespickt mit allem, was schick und exzentrisch ist in Neurophysiologie, Philosophie aber auch sonst der Science Fiction teuren Wissenschaften, ist 'Blindsight' alles andere als leicht zu lesen. Weil es in mancher Hinsicht eher ein Traktat denn eine Narration ist, ist die Stärke des Buches auch eine seiner Schwächen: Wer auf Spannung aus ist, die es hier auch gibt, und nicht zu knapp, bleibt trotzdem über lange Strecken ziemlich hungrig, weil er mit Diskursen, Gesprächen und inneren Monologen regaliert wird, die absolut zum Thema gehören, aber nicht unbedingt die Action vorantreiben. Obwohl die Provokation der Begegnung mit einer bewusstlosen ausserirdischen Intelligenz, die der Menschheit eben deshalb überlegen ist, weil diese durch das Bewusstein ausgebremst wird, kaum zu toppen ist, überfrachtet Watts seine Erzählung mit dem einen oder anderen Einfall, auf den er für meinen Geschmack gut hätte verzichten können: So ist mir nie wirklich aufgegangen, wieso es sich bei dem Kommandanten des Raumschiffes, das wir auf der Reise zu den Aliens begleiten, um einen Vampir handeln muss. Gewiss, der erwähnte Anhang des Buches bietet, augenzwinkernd, eine kurze Einführung in die Grundlagen der Vampirbiologie, der man entnehmen kann, dass die einst ausgestorbenen Blutsauger deshalb zurückgeclont wurden, weil auch sie in Hör- und Sehvermögen sowie überhaupt zerebral dem Homo sapiens haushoch überlegen waren. Doch für die Beweisführung von 'Blindsight' ist dieses Exemplar des Homo vampiris im Grunde ebenso entbehrlich wie die Tatsache, dass es sich bei dem Ich-Erzähler um einen so genannten Snythesisten handelt, den man, weil er als Junge an einer viralen Epilepsie erkrankte, mit einer radikalen Hemispherektomie behandelt, ihm also die Hälfte des Gehirns herausoperiert und durch Computer ersetzt hat, was ihn einerseits zu einer Art Beziehungskrüppel macht, andererseits aber, als lebendiges "Chinesisches Zimmer", in den Stand versetzt, Personen aus der Distanz heraus und ohne einen Funken von Verstehen zu beobachten, indem er / es aus ihrer "Topologie" mittels Algorithmen auf ihre wahren Motive schliesst. Man sieht, das Problem des Bewusstseins und die Vorteile seiner Umgehung hat Watts in 'Blindsight' gleich mehrfach behandelt und damit vielleicht ein wenig zu viel des Guten getan. Dabei fallen gleichwohl interessante Nebenstränge des "Zukunftsromans" ab. So die natürlich schief gehende Beziehung des Beziehungskrüppels zu einer "Neuroästhetikerin", einer Art Psychotherapeutin, die Pathologisches noch mit völlig aus der Mode gekommenen nicht-invasiven Mitteln behandelt. Mit ihr hat der als Kind ultra-invasiv Behandelte zum erstenmal "first person-", will sagen "echten" Geschlechtsverkehr, denn für gewöhnlich – wir befinden uns in den 80er Jahren dieses Jahrhunderts – ist nur mehr virtueller Sex angesagt, bei dem nicht mehr auf etwaige Wünsche der Partnerin oder des Partners Rücksicht genommen werden muss, es nicht mehr der Körper der oder des anderen ist, der genossen wird, und der vor allem ohne Mischung von Körpersäften abgeht. Das hätte eigentlich Stoff für eine kürzere Prosaform abgegeben, wie sie Watts, teils mit tödlichem Ernst – man vergleiche seine von seiner Website herunterladbare Sammlung 'Back to the Island and Other Stories' – ja auch beherrscht. Natürlich kann man gegen das Ganze einwenden, es sei nicht unbedingt ein neuer Hut. Tatsächlich gibt es ja eine zivilisationsmüde, sich gern auf die Evolutionstheorie berufende Strömung, die findet, wenn der Mensch nicht mit einem Bewusstsein geschlagen wäre, wäre doch vieles viel einfacher: Statt unseren Cortex mit Fragen wie den berühmten drei kantischen danach, was ich wissen kann, was ich tun soll und was ich hoffen darf, zu überfordern, würden wir in glücklicher Fraglosigkeit unseres Reptilienhirns schwelgen, das wir mit allen Wirbeltieren teilen und das sich dadurch auszeichnet, dass es stets und ausschliesslich dem Imperativ der Evolution: Überlebe!!!! gehorcht, also alle Antworten immer schon kennt. Dann hätte man es zum Beispiel endlich nicht mehr mit diesen Phantomproblemen von Gut und Böse, Schuld und Sühne zu tun. Man könnte sich ganz ungehemmt die Köpfe einschlagen. Man wäre ganz Kreatur. Wäre nicht dazu verurteilt, dauernd... denken zu müssen. Hätte keine Wünsche. Es gäbe keine Religion. Es gäbe keine Philosophie. Keine Kunst. Keine Literatur. Keine Sprache. Kurz, keine Kultur und folglich kein Unbehagen in der Kultur. Vor allem nämlich gäbe es kein Unbewusstes, denn ohne Bewusstsein wäre alles je schon unbewusst. In der Tat, an sich nicht unbedingt ein neuer Hut. An sich! In der Science Fiction aber schon. Das, worum es ihr ging, war, bis jetzt, immer da draussen. Im "Space" oder "Cyberspace". Jetzt ist es hier drinnen. Oder genauer: Science Fiction hat begonnen, sich damit auseinanderzusetzen, wie das, was da draussen ist, von dem bedingt wird, was hier drinnen ist. Es ist das Verdienst von Peter Watts, Science Fiction damit wieder auf ein Niveau gehoben zu haben, auf dem Texte des Genres zu lesen nicht allein Spass macht, sondern auch etwas zu denken gibt. Zum Schluss ein paar - für das Buch nicht massgebliche - Worte zur Übersetzung: Dies, wie gesagt, ist kein leicht zu lesendes Buch. Und es ist erst recht kein Buch, das leicht zu übersetzen war. Ich habe, weil mich sehr interessierte, wie diese Aufgabe gemeistert wurde, unmittelbar nach dem Original auch noch die unter dem Titel 'Blindflug' erschienene deutsche Übersetzung gelesen. Diese Übersetzung ist preisgekrönt. Und sie ist zweifellos gut lesbar - was bei dem Stoff einiges heissen will. Trotzdem bin ich nicht ganz überzeugt. Der eher subjektive Grund: Der deutsche Text hat (sich) mir nicht mehr erschlossen als der englische. Im Gegenteil, ich fand ihn passagenweise opak. Der englische kam mir, trotz mancher fachterminologischer Sperrigkeit, leichtgängiger vor, vielleicht weil er zugleich immer auch eine Umgangssprachlichkeit wahrt, die im Deutschen nicht immer getroffen wurde. Objektive Gründe für einen gewissen Vorbehalt liegen im Erstaunen über einige eklatante Missgriffe: So gibt die Übersetzerin das recht oft vorkommende englische "static" durchgängig mit "Statik" wieder. Gemeint ist stets so etwas wie ein Rauschen - etwa wenn etwas auf einem Bildschirm nicht deutlich erscheint, weil das Signal gestört oder nicht stark genug ist, um sich gegen den Hintergrund abzusetzen. Hin und wieder geht es auch um ein Störgeräusch, das etwas anderes überlagert. Mit Statik indessen hat das nicht das Geringste zu tun. Muss man dergleichen als eklatanten Fehler verbuchen, fallen an anderer Stelle unglückliche Übersetzungen auf. So wird das englische Wort "spike" durchgängig mit "Messspitze" wiedergegeben. In der Tat geht es um etwas, das – wie zum Beispiel ein sich veränderndes Magnetfeld – auf der Skala eines Messinstruments so etwas wie einen "Ausschlag" produziert. Der Akzent liegt aber nicht auf der Messung, sondern auf dem, was da gemessen wird: Eine Spannungsspitze, ein Spannungsanstieg, die plötzliche Zunahme einer Feldstärke. Leider wackelt die Übersetzung da und dort nicht nur im Hinblick auf Terminologien. Die Mutter des Ich-Erzählers befindet sich an einem Ort, den der Text als "Heaven", "Himmel", apostrophiert, womit eine Art virtuelles Refugium gemeint ist, in das sich, unter Aufgabe ihrer Körperlichkeit, immer mehr Menschen zurückziehen. Die Einwohner - oder das, was von ihnen als virtuelle Existenz bleibt - können in diesem "Himmel" besucht oder auch aus der Ferne kontaktiert werden. Eben dies tut der Ich-Erzähler, als er sich vor dem Start des Raumschiffes von seiner Mutter verabschieden will. In der Übersetzung liest man: "Meine neuen Inlays - eigens für die Mission angefertigt und erst vor einer Woche in meinen Kopf implantiert - klinkten sich in die Noosphäre ein und klopften am Perlentor an." Und dies steht im englischen Original: "My new inlays—mission-specific, slid into my head just the week before—shook hands with the noosphere and knocked upon the Pearly Gates." Warum um alles in der Welt lässt die Übersetzerin hier und überall sonst "Inlay" stehen, wofür sich doch (auch wenn der Autor nicht das englische Wort "implant" verwendet) eine Wiedergabe durch "Implantat" mehr als aufdrängt? Weil sie "slid" durch "implantiert" übersetzt hat? Die Implantate hätten doch, wie in den Steckplatz einer Computerplatine, die der Ich-Erzähler ja in der Tat im Kopf hat, "eingesteckt" oder "eingeschoben" worden sein können. Und wo klopften dann die Implantate an? Am "Perlentor"? Das ist nun nicht nur entweder völlig unverständlich oder unfreiwillig komisch, sondern in dem Kontext eine wirkliche Entgleisung. "Pearly Gates" heisst schlicht und einfach "Himmelstor" oder "-pforte". Und "Himmelstor" ist hier, wo es um den "Himmel" geht, auch die einzige Übersetzung, die passt. Ja, der englische Ausdruck geht auf die Beschreibung des "Neuen Jerusalem" im 'Buch der Offenbarung' zurück, wo es heisst, dass die zwölf Stadttore zwölf Perlen gewesen seien, jedes aus einer einzigen Perle gemacht. Aber es gibt nicht den geringsten Grund, in der Übersetzung der zitierten Stelle aus 'Blindsight' daran zu erinnern. Gleichwohl hat die Übersetzerin alles in allem einen guten Job gemacht, und es besteht kein Anlass, wegen der einen oder anderen nicht ganz so gelungenen Wortwahl (deren Kritik stets mehr Raum beansprucht als ihr eigentlich gebührt) über dem Buch von Peter Watts den Daumen zu senken. Auf Deutsch ist es ohnedies zurzeit (Juni 2013) nur antiquarisch erhältlich. Wer kann, das wäre mein Rat, sollte es auf Englisch lesen. Denn lesenswert, wie gesagt, ist es unbedingt.
K**D
Almost perfect condition
The book arrived in almost perfect condition. It had a major dent at the bottom of the spine.
E**L
Don't read spoilers
Good book,very worth reading. This edition is printed on very pulpy paper that feels one step up from common newsprint.
J**A
Entrega garantida
Produto chegou antes do prazo, perfeito!
A**Y
Cerebral hard sci-fi thriller
I had this recommended to me after mentioning that one of my favourite sci-fi novels was Alastair Reynold's Revelation Space, I was a bit hesitant about reading Blindsight as I was very dubious it would measure up well after such a claim. It turns out Blindsight is just as good and occupies that same niche of hard sci-fi that also tackles some interesting philosophical subjects. Blindsight manages to do a lot with a small cast and what is basically only two locations for the entire story. The characters all seem outlandish at first, but all serve to show various facets of a burgeoning post-human society and all seem like believable well fleshed-out individuals, which leads to some genuinely compelling moments later in the story when the nature of what they're dealing with becomes evident and the fractures among the crew start to show. The Rorschach object itself also is also genuinely terrifying at times and proves an excellent foil to the protagonists. The only part of the story I wasn't so sold on was the main characters flashbacks that peppered the story, while they served to explain his personality the interactions between him and his ex-lover never seemed as interesting as the events on the Theseus. The novel is essentially a first contact story, but what it really does is explores what it is that makes people human and asks some pretty intriguing and thought provoking questions in the process. I don't want to spoil any part of the novel (it was both educating and entertaining from start to finish) but towards the end of it I did find myself wondering whether humanity is as great as other sci-fi novels paint us to be...
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2 weeks ago
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